Das „Hochfirst“ in Obergurgl: Zeiten ändern sich

Das „Hochfirst“ in Obergurgl: Zeiten ändern sich
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Zeiten ändern sich. Und Zeiten ändern mich. Ich weiß schon: Ein billiges Wortspiel das noch dazu dem Rapper Bushido halb geklaut ist, der hier nun aber wirklich nicht hergehört. Dennoch passt es hier so schön und stimmt obendrein auch noch. Denn die Zeiten in Sachen Hotellerie haben sich ganz schön geändert. Und mein Anspruch an diese hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten ebenfalls gehörig verändert. Zum Glück.

Ich kann mich noch so ganz entfernt daran erinnern. Eigentlich bin ich aber recht gut im Verdrängen und Vergessen. Dennoch kommen immer wieder Erinnerungen hoch, die nun keine Spur mit Verklärung der Kindheit zu tun haben. Ganz im Gegenteil. Bei diesen Erinnerungen überkommt mich ein schaudern. Denn wir haben uns früher oft stundenlang durch irgendwelche Prospekte und Kataloge gewühlt und geblättert um endlich das perfekte Hotel und die perfekte Unterkunft für einen Familienurlaub zu finden.

Prospekt 1934

Der Beleg: Die Zeiten haben sich seit 1934 doch sehr deutlich verändert (Bild: Archiv Hotel Hochfirst)

Und dabei habe ich mich damals immer schon gewundert, warum wir uns das doch antun. Wo doch eh alle Hotels gleich aussehen und alle Angebote immer auf dasselbe hinauslaufen. Wir würden doch eh nur ein wenig schwimmen gehen, ein bisschen wandern und den Rest der Zeit faul herumliegen. Wo blieb da bitte die Differenzierung im Angebot der Hotels? Ok, das war vielleicht nicht die Frage, die ich mir damals mit 10 Jahren stellte. Aber im Nachhinein habe ich ein Wort gefunden dafür, was mir damals abging: Differenzierung!

Entweder lag´s an meinen Eltern, die ganz einfach keinen Sinn dafür hatten und die falschen Kataloge zuhause herum liegen hatten. Oder es lag an mir und daran, dass ich damals schon, unausgesprochen und implizit, anspruchsvoll war. Und mir normal nicht genügte. Wenn man es so sieht dann hätten mich die Zeiten gar nicht geändert, sondern nur mein wahres Wesen zum Vorschein gebracht. Aber das wäre eine philosophische Frage, die sich hier nur schwer klären lässt.

So sah es vor einigen Jahrzehnten in der Bar  vom "Hochfirst" aus. Ein Beleg: Zeiten ändern sich (Bild: Archiv Hotel Hochfirst)

So sah es vor einigen Jahrzehnten in der Bar vom „Hochfirst“ aus. Ein Beleg: Zeiten ändern sich (Bild: Archiv Hotel Hochfirst)

Die Zeiten haben sich geändert: Auch im „Hochfirst“ in Obergurgl

Konzentrieren wir und also, damit das nicht zu einer etwas peinlichen Introspektion wird, auf die Äußerlichkeiten und auf die kulturellen Phänomen, anhand derer sich der Verlauf der Zeit ablesen und vielleicht auch festmachen lässt. Am besten lässt sich das verdeutlichen, wenn man ein einfaches, aber aussagekräftiges Beispiel anführt, das mir kürzlich zugetragen wurde und das ich eigentlich gar nicht glauben möchte: Vor einigen Jahrzehnten noch galt ein Waschbecken im Zimmer als Luxus. Und für Heizung musste ohnehin separat bezahlt werden. Na wenn sich da mal die Zeiten nicht gewaltig geändert haben…

Wenn man das Hotel „Hochfirst“ in Obergurgl als Beispiel nimmt, wie sehr sich der Anspruch an die Hotellerie verändert und gesteigert hat, dann komme ich jedenfalls zu interessanten Ergebnissen. In diesem Hotel wurde von 2011 – 2014 eine Generalsierung der Zimmer und Suiten angegangen. Klingt anstrengend, aufwendig und kostenintensiv. Und war es vermutlich auch. Doch was will man machen, wenn die Leute jetzt nicht mehr mit wunderbaren Zimmern, Wellness und vielem mehr mehr hinter dem Ofen hervorzulocken sind? Zeiten ändern sich. Und wer als Hotel stillsteht, der hat ohnehin schon verloren und den Anschluss an die Konkurrenz verpasst. Noch wichtiger: Wer der Konkurrenz hinterher hechelt anstatt ihr eine Nasenlänge voraus zu sein, der wird nicht lange Bestand haben. Ich würde sagen: Harte Zeiten für die Hotellerie, zumal wenn es sich wie das Hotel „Hochfirst“ in Obergurgl in der Königsklasse der Hotellerie abspielt, in der Kategorie 5-Sterne.

Die „neue Unübersichtlichkeit“: Ja bitte!

Was möchte ich damit aber sagen? Folgendes: In einer Zeit, in der sich alles in Sachen Angebote so extrem ausdifferenziert hat und nur die besten Hotels wirklich längerfristig überleben, wird es auch für den Gast schwerer. Auch er muss sein Urteilsvermögen schärfen, damit er nicht auf das gleiche Angebot herein fällt, das einem als absolute Neuheit und als etwas absolut Besonderes verkauft wird. Meine These: Die Zeiten in der Hotellerie ändern sich. Und damit verändert sich der Gast.

Das Hotel Hochfirst im Heute: Das Ergebnis einer ganzen Reihen von Veränderungen.

Das Hotel Hochfirst im Heute: Das Ergebnis einer ganzen Reihen von Veränderungen.

Oder ist es der Gast, der die Hotellerie verändert? Ich würde sagen: Ja. Auch. Manchmal. Er hat die Macht dazu. Der Gast von Heute muss Schritt halten mit den Entwicklungen und sie richtig beurteilen lernen. Der mündige und aufgeklärte Gast ist in der Lage, die Hotellerie zu verändern. Etwa indem er diesem Hotel seinen Besuch verweigert und dem anderen Hotel den Vorzug gibt. Und wenn alle Hotels das gleiche anbieten dann kann man als Gast ja wirklich gleich zuhause bleiben. Finde ich zumindest.

Keine Frage: Die Zeiten haben sich verändert. Die Welt ist komplexer, differenzierter und zugleich undurchschaubarer geworden. Weithin wird von der „neuen Unübersichtlichkeit“ geredet. Ich denke das trifft auch auf die Hotellerie zu. Man muss kritischer werden. Und man darf sich die Information nicht mehr von irgendwelchen Katalogen „vorfiltern“ lassen, die einem doch nur etwas andrehen möchten, das zumindest ich oft gar nicht haben will.

Gott sei Dank gibt es das Internet. Dort kann ich mich, fast filterlos, durch diese „neue Unübersichtlichkeit“ und schiere Vielfalt von Hotels bewegen. Und mich relativ spontan für einen Kurzurlaub in ein paar Wochen in einem Hotel meiner Wahl entscheiden. Vorbei sind die Zeiten einer monatelangen Planung. Spontanität ist Trumpf. Und mit einem Klick bin ich Teil einer Welt und einer Hotellerie, die sich verändert.

Irgendwie ist die ganze Sache auch beängstigend, die Beschleunigung hinter all diesen Tendenzen macht mir Angst. Doch dann denke ich wieder an meine Kindheit zurück. Oder an Erzählungen von früher, wo wir die heutig Qual der Wahl gar nicht hatten. Und komme zur Überzeugung, dass wir das ja bitte schön auch nicht mehr ernsthaft haben wollen können. Dann doch lieber das heutige Überangebot und die schlichte Möglichkeit, Perlen aus dem Wust der Möglichkeiten zu bergen. Das „Hochfirst“ in Obergurgl ist für mich eine solche Perle, die ich kürzlich aus der Fülle an Angeboten gefunden habe. Ich würde dem „Hochfirst“ wohl einen Besuch abstatten müssen. Bald. So schnell wie möglich. Denn Zeiten ändern sich. Und Zeiten ändern mich. Und das ist auch gut so.